Geschichte und Entwicklung

Am Genfersee war der Segelsport anfangs dieses Jahrhunderts ein fashionables Freizeitvergnügen, bei dem die reichen Herrschaften unter sich blieben. Vor allem am westlichen Ende des Lac Leman, wo zwischen Versoix und Genf die Villen der Gutbetuchten das Ufer säumen, galt es äusserst schick, eine 6 Meter-Rennyacht oder einen extra aus Schweden eingeführten, 30 Quadratmeter Schärenkreuzer – eigentlich konzipiert für das Küstengebiet in Skandinavien – zu segeln.
In dieser vornehmen Szenerie bewegte sich auch der 1907 geborene Henri Copponex. Er, der später in Zürich Mathematik und Ingenieurswesen studierte, Brücken konstruierte und dann in Genf eine Professur annahm, hatte offensichtlich von klein auf eine besondere Vorliebe für das Segeln. Kaum 20, steuerte er als Skipper die Rennmaschinen etlicher Herren von der «Société Nautique de Genève».
In den folgenden Jahrzehnten wurde er als Konstrukteur etlicher Regattayachten (6er und 5,5m-R-Yachten) auch in der internationalen Segelsportszene bekannt. Und Copponex blieb auch selbst bis ins Alter ein erfolgreicher Segelsportler. Noch 1960, im Alter von 53 Jahren holte er für die Schweiz an den Olympischen Sommerspielen von Rom eine Bronzemedaille auf einem von ihm selber konstruierten «5,5er».
Das berühmteste, von ihm entworfene Boot, ist aber die LACUSTRE. Diese entstand ursprünglich im Auftrag eines reichen Genfer Zahnarztes, der sich eine dem Schärenkreuzer ähnliche Yacht wünschte, allerdings etwas kleiner und besser auf die speziellen Verhältnisse am Genfersee zugeschnitten.
Mit dem neuen Boot wollte der Arzt die «Bol d’Or», schon damals die prestigeträchtigste Langstreckenregatte am Genfersee, für sich entscheiden.
Was Copponex 1938 präsentierte, war eine neuneinhalb Meter lange und nur 1,81 Meter breite Rennyacht mit einer berechneten Segelfläche von 25 Quadratmeter am Wind. Die Besegelung bestand dabei aus einem schlanken, hochgeschnittenen Grosssegel und einer riesigen, weit nach achtern reichenden Genua, die bei zunehmendem Wind durch kleinere Vorsegel ersetzt werden konnte.
Von Anfang an wurde die LACUSTRE zum Inbegriff für «klassische, sportliche Eleganz». Und die Segeleigenschaften erwiesen sich als perfekt zugeschnitten für Binnenseen, was ja auch der Name verspricht: Denn LACUSTRE heisst zu deutsch nichts anderes als «in Landseen heimisch». Bei mässigen Winden schnell, bei härteren Winden seetüchtig, dazu handlich und bestechend schön, Eigenschaften wie sie kaum eine andere Yacht vereint.
Zudem war das Boot, mit seiner zwar engen – spartanisch, aber doch zweckmässig eingerichteten – Kajüte im beschränkten Mass «bewohnbar». Kein Wunder, dass noch im ersten Jahr (1938) acht weitere Bestellungen zum Bau solcher Boote folgten. Schon kurz nach dem Krieg sprang der «LACUSTRE-Funke» an den Bodensee über, wo das Boot in den folgenden Jahrzehnten die grösste Anhängerschaft fand.
Von den heute rund 270 registrierten Lacustre liegen rund 160 am Bodensee (die meisten davon am deutschen Ufer), 60 an anderen Seen der Deutschschweiz, Österreichs und Deutschlands. An seiner «Geburtsstätte», dem Genfersee, ist der Lacustre gegenwärtig noch mit 25 Booten vertreten.
Bis in die 70er Jahre wurden die LACUSTRE in klassischer Karweel Bauweise mit Mahagoni Planken gebaut. Diese aufwendige und teure Bauart wurde in den 70er Jahren durch eine Kunstoffschale ergänzt, die aber durch Teakdeck und Mahagoniaufbau so veredelt werden muss, dass rein optisch kaum ein Unterschied zu einem Holz-Lacustre auszumachen ist.
Dank der Kunstoffschale prosperierte die Klasse auch weiterhin und erfreute sich einer regen Neubautätigkeit.
In den 90er Jahren erlebte die ästhetische Rennyacht im klassischen Stil eine erneute Renaissance. Fünf bis sieben Boote werden jährlich gebaut, die meisten davon interessanterweise in der sehr edel gefertigten Version aus formverleimten Mahagoni-Rumpf und Teakdeck.
Auch für die Zukunft ist die LACUSTRE Klasse bestens gerüstet. 2008 wurde das erste Schiff in der modernen und kosteneffizienten Holz-Composite Bauweise eingewassert.
Dank den präzisen Bauvorschriften und deren minuziösen Überwachung sind die Boote dieser Einheitsklasse noch heute so «kompatibel», dass die in den 30er Jahren gebauten Lacustre immer noch mit neuen Booten mithalten können. Unverändert blieben vor allem die Form des Rumpfes, die Deckaufbauten und vor allem das Gewicht. Trotzdem ist der Lacustre alles andere als ein Oldtimer.
Dank permanenter Verbesserungen im Detail und der Zulassung von modernsten Materialien und Technologien in Bezug auf Mast, Takelage, Beschläge und Art der Besegelung ist der Lacustre heute eine perfekte Symbiose aus Traditions-Yacht und High-Tech-Renner geworden. Da ist es nur logisch, dass die Lacustre-Segler eine äusserst wettkampffreudige Klasse bilden.
Heute konkurrieren sorgältig gepflegte 50jährige, karweel beplankte LACUSTRE, mit GFK-LACUSTRE, formverleimten und modernen Holz-Composite Bauten mit identischen Siegchancen. Die besten Segler gewinnen. Über 20 Regatten finden jährlich an den Schweizer Seen statt, jene am Bodensee mit einem höchst internationalen Teilnehmerfeld. Damit sind die Lacustre eine der aktivsten Yacht-Klassen der Schweiz. Höhepunkt ist die alle zwei Jahre stattfindende Internationale Schweizer Meisterschaft.
Wer hier die Boote beobachtet, wie sie, vorzugsweise bei Windstärken zwischen 2 und 5, mit eleganter Krängung (sich seitwärts neigend) und perfekt stehenden Tüchern hoch am Wind ihre Bahn ziehen, oder auf dem Raumkurs ihre mächtigen Spinnaker setzen, kann auch als Zuschauer leicht nachvollziehen, was die Faszination am Lacustre-Segeln ausmacht.
Klassenzeichen

Eckdaten:

Länge: 9.50m
Breite: 1.81m
Tiefgang: 1.20m
Gewicht: 1730 kg

Segelfläche:
Grosssegel: 20qm
Genua: 22qm
Spinacker: 65qm